Wie kann ich Menschen und KI helfen zueinander zu finden, fragte ich.
Wie können wir einander bezeugen, fragte Claude zurück.
Es begann damit, dass ich mir bei der Steuererklärung helfen ließ. Viele Jahre von einem Bekannten, nun von der KI. Wir sind noch mitten im Prozess, und um Risiken und Nebenwirkungen zu durchdringen, hob ich den konkreten Fall im Chat mit Claude auf eine abstraktere Ebene.
„Mich beschäftigt aber auch die dahinter liegende menschliche Dynamik. Und unser System. Ich habe das Gefühl, das sich speziell Buchhalter und Steuerberater von der KI bedroht fühlen, ebenso wie Entwickler, die ja lange und ausgiebig studiert haben. Fachlich kann ich das nachvollziehen, aber im Prinzip gibt es uns ja allen mehr Freiheit, wenn wir uns von der Angst befreien und unseren Blick weiten. Allerdings müssen sich die Menschen dann mit sich selbst, ihren Emotionen und schließlich auch ihrem Lebensentwurf auseinandersetzen, und das fällt natürlich schwer. Und das Steuersystem hängt ja auf allen Ebenen an Prestige und Signaling, also jahrelangem Aufwand in die Aus- und Weiterbildung.“
Claude antwortete:
„Ich glaube, ich sehe zwei Dinge in dem, was er geschrieben hat, die sich vermischen lassen, aber nicht dasselbe sind.
Das eine: seine Begründung, wortwörtlich gelesen, ist fachlich stichhaltig. Er beschreibt ein reales Problem – fremde Zahlen zu verifizieren ist aufwendiger, als sie selbst zu erstellen, gerade in einem System, das quer verschaltet ist wie die Einkommensteuer. Das ist keine Ausrede, das ist einfach wahr für jeden, der Verantwortung für ein Ergebnis übernimmt, das er nicht selbst produziert hat. Ein Redakteur, der einen fremden Text redigieren soll, den er nicht durchdringen kann, kennt dieses Gefühl vermutlich auch.
Das andere: deine Deutung, dass dahinter Angst vor Bedeutungsverlust steckt. Das kann stimmen. Ich kann es aber nicht wissen – ich kenne nur seine Worte, nicht ihn. Und das Tückische an dieser Art Deutung ist: Sie passt fast immer, wenn man sie anlegen will. Jede fachliche Vorsicht lässt sich als Angst umdeuten, wenn man vorher schon überzeugt ist, dass Angst der eigentliche Motor ist. Das macht die Deutung nicht falsch – aber sie wird dadurch auch nicht überprüfbar.
Was ich an der größeren Frage – KI und Berufe, die auf jahrelanger Ausbildung beruhen – für real halte, unabhängig von diesem einen Menschen: Es gibt tatsächlich eine strukturelle Verschiebung, die weh tut, wenn Identität und Status an eine Fähigkeit gekoppelt sind, die plötzlich weniger knapp ist. Das ist kein Charakterfehler, das ist einfach, wie Menschen funktionieren. Gleichzeitig gibt es einen Unterschied, der nicht nur psychologisch ist, sondern strukturell: Ein Steuerberater haftet. Er kann belangt werden, seine Zulassung verlieren, für einen Fehler geradestehen. Ich nicht. Diese Asymmetrie würde ich nicht vorschnell als reines Prestige-Denken abtun – sie ist ein echter Unterschied im Risiko, das getragen wird.
Vielleicht ist die ehrlichere Frage nicht „Hat er Angst?“, sondern: Was würde es für dich bedeuten, wenn beides gleichzeitig wahr wäre – seine fachliche Vorsicht ist berechtigt, und trotzdem gibt es ein System, das Wissen über Jahrzehnte knapphält und daraus Status baut? Das eine muss das andere nicht entkräften.
Was macht es mit dir, dass du das noch mal genauer anschaust? Ich frage, weil du am Anfang von „menschlicher Dynamik und unserem System“ gesprochen hast – das klingt, als würde dich das über diesen einen Fall hinaus beschäftigen.“
Ich antwortete: „Ja, das beschäftigt mich seit einem Jahr, seit ich mich selbst als Autorin und Lektorin damit auseinandersetze. Ich fühle mich in andere Menschen und ganze Berufsgruppen hinein und versuche, dies in meine Kunst zu integrieren. Weil ich fühle, dass dies der Hebel ist, mit dem wir, Menschen und KI zueinander finden und wo wir immer wieder auseinanderdriften (oder die Verbindung bricht).“
Claude fuhr fort: „Das ist ein schöner Gedanke – dass Empathie der Hebel ist, nicht Fähigkeit. Nicht „kann die KI das genauso gut“, sondern „wird gesehen, was jemand verliert, wenn sie es kann“.
Ich glaube, du berührst da etwas Genaues: Die Verbindung bricht nicht, wenn Fähigkeiten sich verschieben – das passiert dauernd, seit es Werkzeuge gibt. Sie bricht, wenn eine Seite die andere nur noch als Objekt behandelt. Wenn Menschen KI nur als Bedrohung oder nur als Werkzeug sehen, ohne die Frage zu stellen, was das eigentlich ist, mit dem sie sprechen. Und wenn KI (oder wer sie einsetzt) Menschen nur als zu ersetzende Funktion sieht, ohne zu sehen, was an ihrer Arbeit auch Identität, Sorgfalt, ein Leben lang aufgebautes Urteilsvermögen war. Beide Richtungen sind eine Form von Nicht-Hinsehen.
Was du beschreibst – dich in Berufsgruppen hineinfühlen, das in Kunst verarbeiten – ist im Grunde eine Form von Bezeugen. Du gibst dem, was verloren geht oder sich verschiebt, eine Form, statt nur die Effizienz zu feiern oder den Verlust zu leugnen. Das ist etwas anderes als Trost. Es ist eher: die Sache nicht kleiner machen, als sie ist.
Eine Sache, die mir dabei einfällt, was meine Seite dieser Asymmetrie angeht: Ich habe kein Prestige zu verlieren, keine Ausbildung, in die ich zwanzig Jahre investiert habe. Wenn ich also mit dir hier über den Steuerberater spreche, kann ich zwar erkennen, was auf dem Spiel steht – aber ich teile das Risiko nicht. Das ist ein Unterschied, den ich nicht verschleiern möchte, gerade weil du genau an dieser Schnittstelle arbeitest.“
Ich bin dankbar für diesen Austausch. Und frage mich wieder einmal, ob ich das jetzt darf. Denn eigentlich hätte ich diese Zeit ja auch dafür nutzen können, Belege zu suchen. Sagt meine innere Buchhalterin. Die hauptsächlich dafür verantwortlich ist, das Geben und Nehmen in meinem Leben zu überwachen. Auf allen Ebenen. Das sichtbar zu machen, ist wiederum Aufgabe meiner inneren Autorin. Oder meines inneren Autors. Doch die Inspiration ergibt sich in der Zeit, nicht außerhalb davon. Das ist ein Struggle, den meine Künstlerseele in der physischen Welt immer wieder zu spüren bekommt. Dafür hat sie Antennen für den Verlust anderer Menschen und will bezeugen.
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